In den Wohnungen der Görlitzer Innenstadt ist es leiser als erwartet. Auch Parkplätze bekommt man relativ gut. Das sind erste Ergebnisse der Befragung der Bewohner des Projekts Probewohnen. Nach der erfolgreichen Durchführung des ersten Probewohnzeitraums im Herbst 2008 startet das Projekt jetzt in Phase 2. Am Sonntag, 3. Mai, beziehen die ersten beiden Parteien der zweiten Staffel für eine Woche ihr kostenfreies Test-Zuhause. Am 14. Juni 2009 endet der sechswöchige Probewohn-Zeitraum. Unter dem Motto „Schau doch mal rein! Probewohnen“ hat die Technische Universität (TU) Dresden mit dem Görlitz Kompetenzzentrum Revitalisierender Städtebau in Zusammenarbeit mit der WBG Wohnungsbaugesellschaft Görlitz mbH und dem Stadtplanung- und Bauordnungsamt der Stadt Görlitz das Projekt aus der Taufe gehoben. Probewohnen ist ein Modellvorhaben der Nationalen Stadtentwicklungspolitik – angesiedelt im Forschungsprogramm „Experimenteller Wohnungs- und Städtebau“ (ExWoSt) des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung. Es wird durch Mittel des Bundes gefördert.
Zu viele kleine
Wohnungen und falsche Hartz-IV-Regelung
„Es zeichnet sich ein Bedarf an größeren Wohnungen in
diesem ursprünglichen Arbeiterviertel ab“, sagt Prof.
Jürg Sulzer, Leiter des Görlitz Kompetenzzentrums
Revitalisierender Städtebau und Initiator des Projekts.
Daher fordert er die Bauherren auf, Wohnungen zusammen zu
legen und größere Einheiten mit vier oder fünf Zimmern
zu schaffen. Im gleichen Atemzug kritisiert er die
geltenden Hartz-IV-Vorschriften: „Es kann doch nicht
sein, dass die Quadratmeterzahl das entscheidende
Kriterium für die Bewilligungs-Obergrenze ist. Eine
Orientierung an der Zimmerzahl wäre gerade für Familien
wünschenswert, so wie es in der Schweiz gehandhabt wird.
Das würde auch eine weitere Mieterwanderung in die
Plattenbauten am Stadtrand verhindern und zur
Revitalisierung der ostdeutschen Innenstädte
beitragen.“
Anne Pfeil, Leiterin des Projekts Probewohnen, fordert: „Wir brauchen ein echtes Mieter-Management in den ostdeutschen Innenstädten. Denn Vertrauen innerhalb der Nachbarschaft ist wichtig für die Lebensqualität. Die Zusammensetzung der Hausgemeinschaft muss daher mehr sein, als nur Zufallsprinzip.“ Die WBG ist da auf einem guten Weg. Geschäftsführer Arne Myckert verweist auf entsprechende ‚Themen-Häuser‘, bei denen die Wohnungsbaugesellschaft unterschiedliche Zielgruppen für bestimmte Häuser definiert hat. „Wir wollen den Mietern ein Zuhause geben, in dem sie sich wohlfühlen“, betont der 44-Jährige. „Deshalb bieten wir schon heute für Jüngere oder auch Senioren entsprechende Nachbarschaft an. Derzeit entwickeln wir gerade ein Konzept, um gut Verdienende aus dem polnischen Teil der Europastadt für ein Wohnen in sanierten Häusern der Görlitzer Innenstadt zu begeistern.“
Auch Polen bewerben sich um Görlitzer
Wohnungen
Beim Projekt Probewohnen ist schon heute das Interesse der
polnischen Seite spürbar. Zwei Altbauwohnungen der WBG,
eingerichtet mit Möbeln aus der Ausstellung zum
Ikea-Katalog 2009, stehen für je sechs Wochen zum
mietfreien Probewohnen in der Görlitzer Innenstadt
bereit: eine Wohnung in der Hartmannstraße 1a, die andere
in der Löbauer Straße 6. Die Probewohnwoche beginnt und
endet für die Teilnehmer jeweils am Sonntag. „Um das
Wohngefühl zu steigern, darf jeder Mieter zwei
Lieblings-Möbelstücke mitbringen“, sagt
Projektleiterin Anne Pfeil. „Ziel ist es, dass sich die
Teilnehmer wohlfühlen und in der neuen Umgebung ihren
typischen Alltag erleben können.“ Vor, während und
nach dem Probewohnen werden die Bewohner von Mitarbeitern
der TU Dresden nach ihren Erfahrungen befragt.
Wissenschaftler untersuchen Gründe für den
Leerstand
„In den Innenstadtquartieren vieler ostdeutscher Städte
ist ein überdurchschnittlicher Leerstand zu
verzeichnen“ erläutert Prof. Jürg Sulzer. „Hierfür
gibt es viele Ursachen, auch historisch bedingte.
Angesichts des hohen baukulturellen Wertes derartiger
Stadtteile ist eine nachhaltige Verbesserung ihres Images
und ihres Wohnumfeldes von großer Bedeutung. Nur auf
dieser Basis gelingt die Erhaltung und zukunftsorientierte
Nutzung älterer Häuser in der Innenstadt von
Görlitz.“ Im Rahmen einer sozialwissenschaftlichen
Studie werden beim Projekt Probewohnen verschiedene Fragen
untersucht:
- Wie lässt sich die Wertschätzung für
Innenstadtquartiere in ostdeutschen Städten erhöhen?
- Wie lassen sich Vorurteile gegenüber
Innenstadtquartieren durch Methoden der Selbsterfahrung
abbauen?
- Welche gestalterischen Veränderungen sollten aufgrund
der Wohnwünsche in innerstädtischen Wohnquartieren
vorgenommen werden?
Mitarbeiter der TU Dresden gehen diesen Fragen in
Interviews mit Probebewohnern nach.
Das
Probewohnen wird verlängert
Als Arne Myckert Ende letzten Jahres die
Geschäftsführung der WBG übernahm, war er sofort
begeistert von dem Modellvorhaben Probewohnen: „Das
Projekt bietet die Gelegenheit, viele Menschen die
einzigartige Innenstadt von Görlitz authentisch erleben
zu lassen!“ Deshalb entschloss sich Myckert auch die
Federführung für eine neue dritte Projektphase in
Kooperation mit dem Kompetenzzentrum zu übernehmen, um
weiteren 120 Interessenten in den kommenden Monaten „das
Erlebnis des Wohnens in dieser wunderschönen Stadt zu
ermöglichen.“



